Instabilität des Selbstbildes

Borderliner haben das Gefühl, sich selbst fremd zu sein. Oft haben sie schon sehr früh gehört, dass sie nicht „in Ordnung“ seien. Viele versuchen daher ihr Verhalten und Erscheinungsbild immer wieder nach den Erwartungen ihrer Umgebung zu richten und verhalten sich im Kontakt zu unterschiedlichen Menschen grundverschieden.

Sie sind auf den ersten Blick sozial gut integriert und „funktionieren“ nach außen gut, sind innerlich aber löchrig wie Schweizer Käse. Ihre vermeintliche Unabhängigkeit ist meist nur eine „Pseudoautonomie“. Ebenso problematisch ist für sie die Einschätzung ihres Könnens. Die emotionale und intellektuelle Leistungsfähigkeit klaffen vielfach auseinander. Es gibt Momente, in denen sie sich nichts zutrauen, dann wieder haben sie das Gefühl, keine Hürde sei zu hoch.

Die meisten Borderliner sind unfähig zu einem einigermaßen „runden“ Lebensentwurf, also die Zukunft zu planen, zu wissen, was ihnen Spaß macht und was sie wirklich interessiert. Sind sie heute von etwas felsenfest überzeugt und überzeugen sogar andere davon, werfen sie ein paar Tage später alles über den Haufen und müssen wieder von vorn anfangen zu überlegen und zu planen.

Viele Betroffene haben das Gefühl, sie seien „anders“, mit ihnen stimme etwas (oder alles) nicht, und fühlen sich nicht dazugehörig. Eine Betroffene beschreibt es als das Gefühl, ein „Fassadenleben“ zu führen, sich wie ein Kind unter lauter Erwachsenen zu fühlen, innerlich völlig hilflos zu sein, nach außen hin aber kompetent zu wirken.

Kriterium 3 > Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

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Leere und Langeweile

Die im Abschnitt „Vermeidung von Alleinsein“ beschriebenen Verhaltensweisen dienen letztlich dazu, Gefühle von Leere und Langeweile nicht aufkommen zu lassen.

Wenn die innere Leere unerträglich wird und es keine Ablenkung oder Vermeidung von Alleinsein mehr gibt, setzen Borderliner oft die ihnen vertrauten Mechanismen des selbstzerstörerischen Verhaltens – bis hin zum Suizid(versuch) – ein, um das „Nichts“ zu füllen.

Das Gefühl der Leere ist, ebenso wie die Angst vor dem Alleinsein, eines der elementarsten Gefühle des Borderline-Erlebens und bei vielen von ihnen unterschwellig eigentlich immer vorhanden. Als „sich in sich selbst zu verlieren“ bezeichnen sie ihre Haltlosigkeit, die sie spüren, wenn das Gefühl der inneren Leere immer stärker wird. Andere erleben es als „tiefes Grauen“.

Es tritt oft dann auf, wenn andere Menschen unerreichbar scheinen, unstrukturierte Zeiträume überbrückt werden müssen und alle Möglichkeiten der Ablenkung bereits ausgeschöpft sind. Es stellt sich wie ein „Nichts“ dar, in das sie, wie in einen Strudel, mit kreisenden Bewegungen immer tiefer hineingezogen werden, alles scheint dann absurd und sinnlos. Das Leben hat jede Bedeutung verloren und erreichte Ziele werden unwichtig. Sie fragen sich, wer sie eigentlich sind. Die Leere schluckt alles.

Sie haben auch das Gefühl, in ein schwarzes Loch gerissen zu werden, fühlen sich „gelähmt“ und völlig handlungsunfähig, sie beschreiben ein Gefühl des Getrenntseins von allem und jedem. In die innere Leere stürzen bedeutet den Boden unter den Füßen zu verlieren, sich wie im freien Fall ohne Fallschirm wiederzufinden, sich kaum mehr zu spüren und sich innerlich tot zu fühlen.

Borderliner sind oft nicht in der Lage zu überblicken, dass diese Leere und Langeweile nach einer begrenzten Zeit wieder aufhören wird. Für sie beinhalten Gefühle von Leere und Langeweile eine Unabsehbarkeit, ein der Situation Ausgeliefertsein und eine Unerträglichkeit, die sie so schnell wie möglich beenden wollen.

Für die meisten Betroffenen ist es schwierig zu lernen, das Erleben von Leere und Langeweile ohne selbstzerstörerisches Verhalten auszuhalten, und sie sind zunächst auf Unterstützung von außen angewiesen. Durch Kontakte zu anderen Menschen kann es gelingen, das selbstzerstörerische Verhalten nicht einsetzen zu lassen. Sie können einer Situation die Schärfe nehmen, bevor sich das Gefühlschaos so hochschaukelt, dass Unterstützung von außen nicht mehr angenommen werden kann.

Sie geraten nämlich bereits in Panik und reagieren mit Selbstverletzungen oder anderen krankhaften Verhaltensweisen, wenn beispielsweise ein fest einkalkulierter Termin unvorhergesehen ausfällt, und dadurch „Leere“ entsteht. Sie vermeiden es, auch bei absoluter Erschöpfung, ihr Tempo zu verlangsamen, um nicht in die innere Leere und Langeweile zu stürzen.

Kriterium 7 > Chronische Gefühle von Leere und Langeweile.

Umgang mit Wut

Dass die Wut „stärker als jede Vernunft“ sein kann, trifft für viele Borderliner in besonderem Maße zu. Sie sind häufig so wütend, dass sie ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren können.

Gerade dieses Kriterium ist für mich ein Punkt, mit dem ich mich auseinandersetzen will, liebevoll von mir als „Hulk-Mode“ bezeichnet, weil es ein recht bekanntes Filmzitat dazu gibt, mit dem ich mich witzigerweise gut identifizieren kann:

Capt. America (zu Bruce Banner): „Doktor Banner. Jetzt wäre ein idealer Zeitpunkt, um wütend zu werden.“
Bruce Banner: „Das ist mein Geheimnis, Captain. Ich bin immer wütend.“ (verwandelt sich fließend, sekundenschnell, in den Hulk)

Die Wut kann sich gegen Gegenstände, aber auch gegen Menschen oder gegen die eigene Person richten. Aber nicht alle Menschen mit Borderline leben ihre Wut wirklich aus. Es gibt viele, die keinerlei Ärger oder Wut verspüren. Manche haben zu viel Angst davor, dass sich andere Menschen zurückziehen, wenn sie ihren Ärger rauslassen. Sie unterdrücken eine lange Zeit über jeden Wutausdruck, weil sie befürchten, sich sonst nicht mehr im Griff zu haben und völlig die Kontrolle über sich und das was sie tun oder sagen zu verlieren.

Wut und Ärger überhaupt spüren zu dürfen ist für viele Betroffene daher mit einem Verbot belegt. Würden sie mit diesen Gefühlen in Berührung kommen, täte sich vielleicht ein Abgrund von Verrat, Loyalitätsbruch und Vernichtsungsangst auf. Hinter der Wut kann große Angst, Traurigkeit oder Verzweiflung stehen. Wut kann also ein so starkes Gefühl sein, dass es die anderen verdeckt – die irgendwann in einem riesigen Wutanfall explodieren können. Erst wenn dann „die Luft raus ist“, haben diese Betroffenen wieder Zugang zu ihren Gefühlen und sind in der Lage, die verdeckten Gefühle zu spüren.

Die meisten Borderliner, wie auch ich, leiden unter ihrer Wut und schämen sich dafür, dieses extreme Verhalten nicht kontrollieren zu können.

Kriterium 8 > Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren.

Stimmungsschwankungen

Borderliner kennen abrupte, extreme Gefühlsveränderungen. Sie führen im Alltag oft zu Problemen. Ihnen wird immer wieder unterstellt, ihr Erleben sei nicht „echt“, sondern nur gespielt. Es ist für Freunde nur schwer vorstellbar, wie die Stimmung bei ihnen innerhalb weniger Minuten völlig kippen kann. Vielen von ihnen wird auch vorgeworfen, sich kindisch zu benehmen. Sie sind es dann leid, sich ständig wegen ihrer rasanten Stimmungsschwünge erklären zu müssen, und oft ist es für sie auch völlig unmöglich, eine plausible Erklärung zu finden.

Schnelle Stimmungswechsel erleben die meisten Erwachsenen eher selten, bei einem Kind hingegen wundert sich keiner, wenn es kurz nach einem heftigen Wutanfall wieder freudestrahlend lächelt. Bei einem Erwachsenen scheint das Gleiche jedoch nicht nachvollziehbar. Doch auch Erwachsene erleben manchmal, dass die Stimmung von totaler Ausgelassenheit in bittere Ernsthaftigkeit oder von Wut in Verzweiflung umschlägt. Das sind dann meist Ausnahmesituationen und nicht struktureller Bestandteil des Alltagserlebens. Betroffene erleben genau solche Wechsel scheinbar aus heiterem Himmel und sogar mehrmals täglich, wenn auch nach außen hin nicht immer sichtbar.

Viele Betroffene erklären, dass ihre Stimmungen eine Reaktion auf Impulse der Umgebung seien. Die Reaktionen der Mitmenschen beeinflussen ihr Empfinden in wesentlich höherem Maße als bei anderen Menschen, sie liefern den Maßstab für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. Die anderen Personen geben, ohne es zu wissen, die Impulse für Aktivität. Das geschieht, weil Borderliner der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen und sie immer wieder an den Reaktionen und Taten der Umgebung überprüfen.

Menschen mit Borderline sind in hohem Maße empfänglich für Stimmungen ihrer Mitmenschen. Um wieder auf Berichte der Betroffenen aufzubauen, beschreiben viele, dass sie manchmal das Gefühl haben, ihnen sei die Haut abgezogen und sie seien allen Stimmungen, die ihnen begegnen, schutzlos ausgeliefert. Ein kritischer Blick kann dann „schwerste Verletzungen“ auslösen; ein nettes Wort hingegen kann „Balsam“ sein.

Zu den Stimmungen der Mitmenschen kommen vielfach auch die nicht einzuordnenden eigenen Stimmungen. Warum man eben noch fröhlich und zufrieden mit Leuten in der Kantine gesessen hat und eine halbe Stunde später zu Hause nur noch in Angst und Selbstzweifeln versinkt, ist nicht nur für Außenstehende, sondern auch für Betroffene selbst schwer zu begreifen.

Kriterium 6 > Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung.

Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen

Oftmals haben Betroffene Probleme damit, menschliches Verhalten auch in Zwischentönen wahrzunehmen, für viele sind Menschen in ihrer Umgebung entweder nur „gut“ oder nur „böse“. Um eine Orientierung im inneren Gefühlschaos zu finden, versuchen viele die Menschen um sie herum einzuordnen in diejenigen, die sie unterstützen, und jene, die ihnen „feindlich“ gesinnt zu sein scheinen.

Es ist für sie schwer einfühlbar, wenn Menschen sich plötzlich anders verhalten als sonst. Wenn ein Freund ärgerlich wird und schimpft, vielleicht weil man eine gemeinsame Verabredung vergessen hat, ist es für sie nicht möglich zu verstehen, dass dieser Freund nur das Verhalten, nicht aber die ganze Person kritisiert und sie trotzdem weiterhin schätzt.

Ist ihnen eine Person wichtig geworden, können manche sogar ihre gesamte soziale Energie auf diesen Menschen richten. So beschreibt eine Betroffene, dass eine Steigerung der Tiefe ihrer Beziehung schon bald nicht mehr möglich sei und sie den Kontakt enttäuscht und verletzt abbricht.

Ein Therapeut hat die Art, sich auf Beziehungen einzulassen, einmal mit der Intensität einer Liebesbeziehung verglichen, bei der die Gedanken auch nur noch um die geliebte Person kreisen. Ein solcher Zustand ist allerdings nur eine begrenzte Zeit aufrechtzuerhalten.

Wenn sich eine als unterstützend wahrgenommene und positiv besetzte Person einmal nicht so verhält, wie es dem idealisierten Bild entspricht, kann es zu tiefer Verzweiflung und sogar Suizidgedanken kommen. Um diese Situation aushalten zu können, werten Borderliner die vorher noch positiv gesehene Person massiv ab und sehen keinerlei gute Seiten mehr an ihr.

Viele von ihnen verschwinden aus einer Beziehung, noch bevor es zum „großen Knall“ kommen kann, etwa nach dem Motto: Bevor der mich verlässt, hau ich selbst ab, denn ich würde es nicht aushalten, verlassen zu werden.

Für Außenstehende wirkt das wie Flucht, für die Betroffenen ist es die einzige Möglichkeit, Kontrolle über die Situation zu behalten. Die meisten haben deshalb irgendwann nur noch sehr oberflächliche Beziehungen zu ihren Mitmenschen, oft weil ihre unerfüllbare Sehnsucht nach „guten und liebevollen Eltern“ oder nach Partnerschaft und Nähe in der Vergangenheit immer wieder in einem Desaster aus Chaos und manchmal sogar Gewalt endete. Sie halten sich daher von jeglichen tieferen Beziehungen fern und haben nur noch „lockere“ Kontakte. So sind sie recht einsam, paradoxerweise freiwillig, auch wenn sie scheinbar viele Sozialkontakte haben.

Kriterium 2 > Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch den Wechsel zwischen Extremen der Idealisierung und der Entwertung gekennzeichnet ist.

Selbstschädigendes Verhalten

Selbstschädigendes Verhalten fängt lange vor offenkundiger Selbstverletzung und Suizidalität an. Was oft aus einer momentanen Stimmung heraus geschieht, kann weitreichende Auswirkungen haben. Verspielen von Geld oder unüberlegte Käufe führen zu Verschuldungen. Unter Umständen kann dies Folgen für die gesamte Lebensplanung haben. Viele Betroffene kennen Verhaltensweisen, durch die sie sich in einen Zustand bringen, der für sie negativ ist.

Um einmal mehr Betroffenenberichte heranzuziehen, beschreibt eine Frau, wie sie immer wieder Kontakte zu Personen herstellt, die ihr eigentlich schaden. Einige andere nehmen Drogen oder versuchen ihre Gefühle mit Alkohol zu betäuben, anderen „kämpfen“ mehrmals täglich mit Essanfällen, Erbrechen oder Hungern, manche nehmen massenweise Abführmittel.

Sie alle bringen sich durch diese Verhaltensweisen an den Rand der körperlichen und seelischen Belastbarkeit. Es gibt auch Personen, die versuchen ihre Anspannung durch rücksichtloses Autofahren zu verringern. Auch das sexuelle Verhalten, das eigentlich Lust und Freude bereiten sollte, kann zur Selbstschädigung werde, etwa bei Sexualität mit Partnern, die man eigentlich nicht mag, bei sehr häufigem Wechsel von Sexualpartnern, bei rücksichtslosen Sexualpraktiken oder bei ungeschütztem Sex.

Kriterium 4 > Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen wie Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essstörungen, uvm.

Selbstverletzung und Suizidverhalten

Borderline-Betroffene, die unter diesem Aspekt leiden, verletzen sich aus unterschliedlichen Gründen selbst. Manche schneiden sich mit einem Messer, einer Rasierklinge oder Ähnlichem an verschiedenen Stellen des Körpers, meist um sich selbst überhaupt wieder spüren zu können, wie sie sagen, oder um den inneren Schmerz sichtbar zu machen oder – wie in meinem Fall – als Druckentlastung bei hoher Anspannung.

Neben dieser Form der Selbstverletzung gibt es viele andere Formen wie Wundkratzen oder Aufkratzen verheilender Wunden, Brennen der Haut, beispielsweise mit Zigaretten, Schlucken von giftigen Substanzen oder gefährlichen Gegenständen, Zerbeißen der Lippen und Zunge oder Schlagen bestimmter Körperstellen gegen Wände.

Oft „passieren“ den Betroffenen immer wieder Unfälle. Dann fällt es zunächst nicht auf, dass es sich um selbstverletzendes Verhalten handelt, sondern es scheint so, als sei derjenige ein „Pechvogel“ und eben ein bisschen ungeschickt.

Einige sehen keine Möglichkeit mehr, so weiterzuleben wie bisher. So findet sich in vielen Krankengeschichten gleich eine ganze Reihe von Suizidversuchen. Oft sind sie gedanklich nur noch mit dem Thema Suizid beschäftigt und teilen dies durchaus auch ihrer Umgebung mit. Viele von ihnen berichten, dass sie der Gedanke an den Suizid oft jahrelang im Alltag „nur“ begleitet und die Funktion einer Druckentlastung hat, so beispielsweise auch meine eigene Handhabe dieser Thematik. Fachleute sprechen dann von „chronischer Suizidalität“.  Insofern fällt Borderline in den meisten Fällen auch als eine „lebensbedrohliche Erkrankung“ aus.

Kriterium 5 > Wiederholte suizidale Handlungen, Suizidandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.