Leere und Langeweile

Die im Abschnitt „Vermeidung von Alleinsein“ beschriebenen Verhaltensweisen dienen letztlich dazu, Gefühle von Leere und Langeweile nicht aufkommen zu lassen.

Wenn die innere Leere unerträglich wird und es keine Ablenkung oder Vermeidung von Alleinsein mehr gibt, setzen Borderliner oft die ihnen vertrauten Mechanismen des selbstzerstörerischen Verhaltens – bis hin zum Suizid(versuch) – ein, um das „Nichts“ zu füllen.

Das Gefühl der Leere ist, ebenso wie die Angst vor dem Alleinsein, eines der elementarsten Gefühle des Borderline-Erlebens und bei vielen von ihnen unterschwellig eigentlich immer vorhanden. Als „sich in sich selbst zu verlieren“ bezeichnen sie ihre Haltlosigkeit, die sie spüren, wenn das Gefühl der inneren Leere immer stärker wird. Andere erleben es als „tiefes Grauen“.

Es tritt oft dann auf, wenn andere Menschen unerreichbar scheinen, unstrukturierte Zeiträume überbrückt werden müssen und alle Möglichkeiten der Ablenkung bereits ausgeschöpft sind. Es stellt sich wie ein „Nichts“ dar, in das sie, wie in einen Strudel, mit kreisenden Bewegungen immer tiefer hineingezogen werden, alles scheint dann absurd und sinnlos. Das Leben hat jede Bedeutung verloren und erreichte Ziele werden unwichtig. Sie fragen sich, wer sie eigentlich sind. Die Leere schluckt alles.

Sie haben auch das Gefühl, in ein schwarzes Loch gerissen zu werden, fühlen sich „gelähmt“ und völlig handlungsunfähig, sie beschreiben ein Gefühl des Getrenntseins von allem und jedem. In die innere Leere stürzen bedeutet den Boden unter den Füßen zu verlieren, sich wie im freien Fall ohne Fallschirm wiederzufinden, sich kaum mehr zu spüren und sich innerlich tot zu fühlen.

Borderliner sind oft nicht in der Lage zu überblicken, dass diese Leere und Langeweile nach einer begrenzten Zeit wieder aufhören wird. Für sie beinhalten Gefühle von Leere und Langeweile eine Unabsehbarkeit, ein der Situation Ausgeliefertsein und eine Unerträglichkeit, die sie so schnell wie möglich beenden wollen.

Für die meisten Betroffenen ist es schwierig zu lernen, das Erleben von Leere und Langeweile ohne selbstzerstörerisches Verhalten auszuhalten, und sie sind zunächst auf Unterstützung von außen angewiesen. Durch Kontakte zu anderen Menschen kann es gelingen, das selbstzerstörerische Verhalten nicht einsetzen zu lassen. Sie können einer Situation die Schärfe nehmen, bevor sich das Gefühlschaos so hochschaukelt, dass Unterstützung von außen nicht mehr angenommen werden kann.

Sie geraten nämlich bereits in Panik und reagieren mit Selbstverletzungen oder anderen krankhaften Verhaltensweisen, wenn beispielsweise ein fest einkalkulierter Termin unvorhergesehen ausfällt, und dadurch „Leere“ entsteht. Sie vermeiden es, auch bei absoluter Erschöpfung, ihr Tempo zu verlangsamen, um nicht in die innere Leere und Langeweile zu stürzen.

Kriterium 7 > Chronische Gefühle von Leere und Langeweile.

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Umgang mit Wut

Dass die Wut „stärker als jede Vernunft“ sein kann, trifft für viele Borderliner in besonderem Maße zu. Sie sind häufig so wütend, dass sie ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren können.

Gerade dieses Kriterium ist für mich ein Punkt, mit dem ich mich auseinandersetzen will, liebevoll von mir als „Hulk-Mode“ bezeichnet, weil es ein recht bekanntes Filmzitat dazu gibt, mit dem ich mich witzigerweise gut identifizieren kann:

Capt. America (zu Bruce Banner): „Doktor Banner. Jetzt wäre ein idealer Zeitpunkt, um wütend zu werden.“
Bruce Banner: „Das ist mein Geheimnis, Captain. Ich bin immer wütend.“ (verwandelt sich fließend, sekundenschnell, in den Hulk)

Die Wut kann sich gegen Gegenstände, aber auch gegen Menschen oder gegen die eigene Person richten. Aber nicht alle Menschen mit Borderline leben ihre Wut wirklich aus. Es gibt viele, die keinerlei Ärger oder Wut verspüren. Manche haben zu viel Angst davor, dass sich andere Menschen zurückziehen, wenn sie ihren Ärger rauslassen. Sie unterdrücken eine lange Zeit über jeden Wutausdruck, weil sie befürchten, sich sonst nicht mehr im Griff zu haben und völlig die Kontrolle über sich und das was sie tun oder sagen zu verlieren.

Wut und Ärger überhaupt spüren zu dürfen ist für viele Betroffene daher mit einem Verbot belegt. Würden sie mit diesen Gefühlen in Berührung kommen, täte sich vielleicht ein Abgrund von Verrat, Loyalitätsbruch und Vernichtsungsangst auf. Hinter der Wut kann große Angst, Traurigkeit oder Verzweiflung stehen. Wut kann also ein so starkes Gefühl sein, dass es die anderen verdeckt – die irgendwann in einem riesigen Wutanfall explodieren können. Erst wenn dann „die Luft raus ist“, haben diese Betroffenen wieder Zugang zu ihren Gefühlen und sind in der Lage, die verdeckten Gefühle zu spüren.

Die meisten Borderliner, wie auch ich, leiden unter ihrer Wut und schämen sich dafür, dieses extreme Verhalten nicht kontrollieren zu können.

Kriterium 8 > Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren.

Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen

Oftmals haben Betroffene Probleme damit, menschliches Verhalten auch in Zwischentönen wahrzunehmen, für viele sind Menschen in ihrer Umgebung entweder nur „gut“ oder nur „böse“. Um eine Orientierung im inneren Gefühlschaos zu finden, versuchen viele die Menschen um sie herum einzuordnen in diejenigen, die sie unterstützen, und jene, die ihnen „feindlich“ gesinnt zu sein scheinen.

Es ist für sie schwer einfühlbar, wenn Menschen sich plötzlich anders verhalten als sonst. Wenn ein Freund ärgerlich wird und schimpft, vielleicht weil man eine gemeinsame Verabredung vergessen hat, ist es für sie nicht möglich zu verstehen, dass dieser Freund nur das Verhalten, nicht aber die ganze Person kritisiert und sie trotzdem weiterhin schätzt.

Ist ihnen eine Person wichtig geworden, können manche sogar ihre gesamte soziale Energie auf diesen Menschen richten. So beschreibt eine Betroffene, dass eine Steigerung der Tiefe ihrer Beziehung schon bald nicht mehr möglich sei und sie den Kontakt enttäuscht und verletzt abbricht.

Ein Therapeut hat die Art, sich auf Beziehungen einzulassen, einmal mit der Intensität einer Liebesbeziehung verglichen, bei der die Gedanken auch nur noch um die geliebte Person kreisen. Ein solcher Zustand ist allerdings nur eine begrenzte Zeit aufrechtzuerhalten.

Wenn sich eine als unterstützend wahrgenommene und positiv besetzte Person einmal nicht so verhält, wie es dem idealisierten Bild entspricht, kann es zu tiefer Verzweiflung und sogar Suizidgedanken kommen. Um diese Situation aushalten zu können, werten Borderliner die vorher noch positiv gesehene Person massiv ab und sehen keinerlei gute Seiten mehr an ihr.

Viele von ihnen verschwinden aus einer Beziehung, noch bevor es zum „großen Knall“ kommen kann, etwa nach dem Motto: Bevor der mich verlässt, hau ich selbst ab, denn ich würde es nicht aushalten, verlassen zu werden.

Für Außenstehende wirkt das wie Flucht, für die Betroffenen ist es die einzige Möglichkeit, Kontrolle über die Situation zu behalten. Die meisten haben deshalb irgendwann nur noch sehr oberflächliche Beziehungen zu ihren Mitmenschen, oft weil ihre unerfüllbare Sehnsucht nach „guten und liebevollen Eltern“ oder nach Partnerschaft und Nähe in der Vergangenheit immer wieder in einem Desaster aus Chaos und manchmal sogar Gewalt endete. Sie halten sich daher von jeglichen tieferen Beziehungen fern und haben nur noch „lockere“ Kontakte. So sind sie recht einsam, paradoxerweise freiwillig, auch wenn sie scheinbar viele Sozialkontakte haben.

Kriterium 2 > Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch den Wechsel zwischen Extremen der Idealisierung und der Entwertung gekennzeichnet ist.

Vermeidung von Alleinsein

Die Vermeidung von Alleinsein und die Angst vor Leere und Langeweile stehen für viele Betroffene in engem Zusammenhang. Um nicht in eine innere Leere zu stürzen, suchen manche von ihnen Orte auf, an denen reges Treiben herrscht, andere vertiefen sich beispielsweise in die Onlinewelt. Letztlich finden sie aber auch dort wenig Halt, sind allein unter vielen, in einer anonymen Menschenmenge, ohne wirklichen Kontakt zu den anderen.

Viele Betroffene wagen es nicht, anderen von ihrer Angst vor dem Alleinsein zu berichten, da sie befürchten, missverstanden oder nicht ernst genommen zu werden. Im Buch berichtet eine Betroffene davon, auf ihre geäußerte Befürchtung, die nächste Nacht nicht allein überstehen zu können, zu hören bekommen zu haben, dass sie nun doch langsam aus dem Alter heraus sein müsse, sich allein zu Hause zu fürchten. Aber es ist nicht die Angst vor dem „Kellergeist“, wie sie es beschreibt, sondern die Angst, sich in sich selbst zu verlieren. Daher trifft der Begriff „Alleinsein“ das empfundene Gefühl vieler nur teilweise.

Für sie geht es primär  um die Vermeidung von Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühlen. Die innere Einsamkeit kann zu einer so existenziellen Bedrohung werden, dass alles andere unwesentlich wird. Deutlich wird das anhand eines anderen Berichts einer Betroffenen, die erzählt, vor ihren Suizidversuchen immer tiefer in das Gefühl der Einsamkeit gerutscht zu sein. Jedes Mittel sei dann recht gewesen, um diesen Zustand zu beenden.

In meinem Fall verhält es sich wie im Bericht einer dritten Betroffenen, die das Gefühl der Einsamkeit als Widerhall sämtlicher Situationen des Alleinseins in der Vergangenheit beschreibt. Eine Art Erinnerungs- und Emotions-„Flashback“. Viele Borderliner haben in ihrer Kindheit beängstigende Situationen erlebt, in denen keiner für sie da war und sie hilflos auf sich gestellt waren, in denen sie mir ihrer Angst allein gelassen wurden. Für andere ist die Erinnerung an Trennungen oder an Verlassenwerden in einer Partnerschaft oder dem Elternhaus in einem solchen Augenblick wieder präsent, wenn auch oft nur als unklares, bedrohliches Gefühl.

Kriterium 1 > Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.